Die Heiligtümer der Bayern

Seit mittlerweile 15 Jahren lebe ich im freiwilligen Exil. Ich habe meine Heimat verlassen, um kulturelle Aufbauhilfe zu leisten. Das ist nicht immer ganz einfach, so als Hesse in Bayern. Der Bayer ist ja in Deutschland so etwas wie der Engländer in Europa. Er weiß schon, dass es hinter den Grenzen noch etwas gibt, aber wirklich wichtig kann das dahinter nicht sein. Wenn über dem Ärmelkanal dichter Nebel liegt und man das Land auf der anderen Seite nicht sehen kann, dann sagt der Engländer schon gerne mal “The continent is isolated.”, also in etwa “Ohje, das arme Festland ist von uns abgeschnitten. Hoffentlich überleben die das.” Der Bayer äußert seine Meinung über den Rest Deutschlands gerne in liebevollen Bekundungen wie “Saupreiß!”. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich beim Gegenüber wirklich um einen Preußen handelt. Das ist dem Bayern Wurscht. Er macht einem lieber klar, dass er durchaus weiß, dass der Gegenüber kein Preuße ist, aber dass ihm völlig egal ist. Zum Beispiel sagt er dann einfach Dinge wie: “Saupreiß, Japanischer!”

Als Hesse kann man aber relativ gut in Bayern, zumindest im Münchner Umland, untertauchen. Da gibt es so viele Zugroaste, da fällt man als einer mehr nicht auf. Aber man kann sehr schöne Studien betreiben. Studien, die mich dazu gebracht haben, mich in Bayern sehr wohl zu fühlen. Der Bayer an sich ist auch eigentlich ein sehr umgänglicher Mensch. Großkopfert manchmal, aber doch liebenswert. Nur über drei Dinge sollte man nicht mit dem Bayern diskutieren. Obwohl es wahnsinnigen Spaß macht zu beobachten, wie diese Diskussionen ablaufen. Aber man kann es sich dadurch durchaus mit dem einen oder anderen Bayern verscherzen. Nicht mit Freunden, die sehen dann einfach darüber hinweg und haken das ab unter “Fantastereien eines Preußen”.

Also hier die drei Dinge:

Worüber man niemals mit einem Bayern diskutieren sollte

1.: Die Liebe zum FC Bayern (oder zu den 60ern, je nach dem welcher Bayer vor einem steht)

Der FC Bayern ist der größte Club. Auch der Beste. Da kommt lange Zeit nichts. Nicht falsch verstehen, der FC Bayern IST ein großer Club und da kommt lange Zeit wirklich kein Verein in Deutschland, der den Bayern das Wasser reichen kann. Auch international sind das nur wenige Clubs. Uli Hoeneß hat da in meinen Augen eine wahnsinnig gute Arbeit geleistet und maßgeblich Anteil daran, wo der FCB jetzt steht. Aber auch der FC Bayern macht ab und an Dinge, die einfach nicht okay sind. Dinge wie eine Transferpolitik mit dem Beigeschmack, Mitbewerber zu schwächen, statt sich selbst zu stärken. Dinge wie übertriebene verbale Attacken auf andere Clubs, Institutionen und noch ein paar andere Dinge, die einfach nicht so fein sind. Das ist Fakt, aber das sagt man besser keinem Bayern. Er wird nicht gewillt sein, dies ebenso zu sehen.

Leider sind diese Diskussionen nicht so spaßig wie manch andere, denn es gibt einfach keine logischen Argumente, also wird einfach polemisch die eine oder andere Behauptung in den Raum gestellt. Fertig.

2.: Die Wiesn

Die Wiesn ist wirklich ein tolles Spektakel. Als ich jünger war, war ich jedes Jahr fast jeden Tag dort und hatte viel Spaß. Mittlerweile gehe ich nur noch ein oder zweimal bei schönem Wetter tagsüber mit den Kindern dorthin. Mir als Hesse ist allerdings eine gewisse Verwandschaft dieser Veranstaltung zu einer anderen Veranstaltung aufgefallen, die zu einer anderen Jahreszeit in anderen Gebieten der Republik ganz ähnlich gefeiert wird. Bitte jetzt kurz festhalten, ich werde die Parallelen danach erläutern. Die Wiesn hat in der Tat sehr viel gemeinsam mit dem … Trommelwirbel … Fasching (Fastnacht, Karneval).

Wenn man jetzt ganz leise ist kann man hören, wie die ersten Bayern die Luft durch die Zähne ziehen und nach Steinen suchen, um mich damit zu bewerfen.

Aber gut, ich beschreibe mal, was ich meine. Natürlich ist mir dabei klar, dass es auch genügend Unterschiede gibt, aber eben auch Gemeinsamkeiten. Aber das mag der Bayer gar nicht hören. Ich sage es trotzdem.

Viele der Wiesnbesucher ziehen nur zur Wiesn eine Tracht an. Nicht alle, ich weiß, aber viele und nur von denen spreche ich nun. Wenn also jemand die Tracht nur zur Wiesn anzieht, dann ist das doch quasi eine Art Verkleidung. Sonst würde er die Tracht häufiger anziehen. Der Kölner/Mainzer/Düsseldorfer zieht sein Clownskostüm auch nur zu Fasching an. Jetzt sagt der Bayer natürlich, dass man das nicht vergleichen kann, immerhin ist die Tracht eine Tracht und ein Clownskostüm nur ein Kostüm. Fragen man mal einen echten Clown, so wird der dies anders sehen. Das ist nämlich sein Arbeitsoutfit und keine Verkleidung. Aber gut, lassen wir das Clownskostüm weg, andere verkleiden sich an Fasching als Bayer und gehen in Lederhosen zum feiern.

Wie feiern eigentlich die Narren? Sie gehen zuerst zum Faschingsumzug. Die Bayern gehen zuerst zum Trachtenumzug. Danach gehen die Narren in völlig überfüllte Kneipen und Straßen, um dort mit Freunden und fremden Leuten zu viel zu trinken, Küsschen auszutauschen und den einen oder anderen Seitensprung damit zu entschuldigen, dass die Faschingszeit nicht gilt und am Aschermittwoch ja alles vorbei ist. Die Bayern gehen in völlig überfüllte Zelte und Straßen (die Straßen auf der Wiesn zwischen den Zelten), um dort mit Freunden und fremden zu viel zu trinken, Busserl auszutauschen und den einen oder anderen Seitensprung damit zu entschuldigen, dass es eben Wiesn ist und das nicht gilt. Was auf der Wiesn passiert bleibt auf der Wiesn.

Kennen Sie eigentlich das Lied “Viva Colonia”? Das können Sie sowohl im Kölsche Karneval hören, als auch in den Bierzelten auf der Wiesn.

“Da simmer dabei! Dat es prima! VIVA COLONIA!
Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust
wir glauben an den lieben Gott und han auch immer Durst.”

“Da samma dabei, des is prima, viva Bavaria,’
wir lieben, das Leben, die Liebe und die Lust,
wir glauben an den lieben Gott und hab`m auch immer Durst.”

Sind doch ein paar Parallelen vorhanden, oder? Aber sagen Sie das niemals einem Bayern, den Sie nicht kennen. Sie wissen nie, wie er reagiert. Vor allem äußern Sie dies nie nie nie auf der Wiesn. Das Handgemenge haben Sie schnell damit angezettelt. Sie können das aber gerne mal einem befreundeten Bayern erzählen. Der findet das zwar überhaupt nicht lustig und Sie gleichzeitig doof, aber er wird in der Regel zumindest nicht handgreiflich.

Das schönste Gegenargument auf meine These war übrigens: “Die Wiesn hat aber wenigstens Tradition!” Stimmt, ich vergaß, das Karneval eine Erfindung der Neuzeit, ist. Das Mittelalter ist ja noch nicht so lange her.

3.: Die Sprache

Ich als Hesse darf mich nicht über andere Dialekte lustig machen. Mache ich auch nicht. Aber es gibt auch noch unterschiedliche Aussprachen von Wörtern, die auch bei einem hochdeutsch sprechenden Hessen oder Bayern die Herkunft verraten.

Der Hesse zum Beispiel tut unheimlich gerne tun. Also gibt die Hessin dem Hessen gerne mal die Anweisung “Tust du bitte noch schnell aufräumen.” statt “Räumst du bitte noch schnell auf.” Natürlich ist diesen “Tun” falsch, aber es ist aus vielen Hessen nicht raus zubekommen. Weist man einen Hessen darauf hin, so wird er entweder erstaunt sein, dass dies falsch sein soll, oder er ist genervt, weil er weiß, dass es falsch ist, er aber nicht anders kann als “Tun”. Aber er wird hinnehmen, dass es eigentlich anders heißt. Er wird ungläubig nachfragen, “Tut des wegglisch annersters heise?” (Tut das wirklich anders heißen?), aber dann wird er es hinnehmen und einfach weiter ignorieren.

Der Hesse käuft und verkäuft auch gerne. Immerhin tut er dabei nicht. Dann würde er nämlich kaufen. Der Hesse sagt also gerne entweder “Tust du noch Eier kaufe?” oder “Käufst du noch Eier?” Beides nicht sehr schön und auch nicht sehr richtig. Auch hier reagiert der Hesse bei einem Hinweis ähnlich wie beim “tun”. Wobei beim “Käuft” ja noch eine gewisse Logik dahinter steckt, dies Wort so zu benuten.

Der Läufer fäuft.
Der Bäcker bäckt (in der Tat ist backt auch richtig, aber bäckt eben auch).
Der Säger sägt.
Der Käufer käuft. Wäre doch logisch, oder?

Der Frager fragt.
Der Hauer haut.
Der Sauger saugt.
Der Kaufer kauft. Wäre doch auch logisch, oder?

Nein, diese Diskussion gibt es nicht. Zu Recht. Der Hesse sagt dann einfach: “Des sacht man hia ebbe so. Is doch worscht, wenn des annersters heise tut, des sacht man hia so!”

Jetzt sagen Sie mal dem Bayern, dass “Chemie” eigentlich “Chemie” heißt und nicht “Kemie”. Denn

“die standardgemäße Aussprache des “Ch” am Wortanfang vor den hellen Vokalen “e” und “i” ist ein weiches “ch” wie in “Licht” und “Blech”. Man nennt dies den Ichlaut”

, wie man auch beim Zwiebelfisch lesen kann.

Richtig, beim Chiemsee hat sich die bayerische Aussprache durchgesetzt. Da wurde der Rest Deutschlands inkonsequent und hat sich die bayerische Aussprache angeeignet. Der Bayer bleibt aber auch nicht konsequent bei seinem “K” wie in “Kemie” und “Kina”, denn “Chile” wird nicht zu “Kile”.

Der Bayer nimmt aber nicht einfach hin, dass die “Kemie” zwar mittlerweile anerkannt ist als die süddeutsche und österreichische Aussprache für “Chemie”, aber eigentlich in der deutschen Sprache nach den Regeln eben falsch ist. Er wird argumentieren und diskutieren. Er wird die klassischen “Gegenbeweise” liefern wie “Christian” (hat aber einen Konsonanten nach dem “Ch”), Charakter (hat aber keinen der beiden hellen Vokale “e” und “i” nach dem “Ch”), Chiemsee (die rühmliche Ausnahme der Regel) oder Chamäleon (ebenfalls nicht “e” oder “i” nach dem “Ch”). Er wird aber ebenso den “Chitinpanzer” der Käfer unterschlagen (oder sagt er “Kitinpanzer”?) wie die Chimäre.

Der Hesse spricht das alles ja auch nicht besser aus, immerhin schwätz der von “Schemie” und “Schina”, aber immerhin ist das nur eine Zischlautverschiebung. Das ist quasi nur das standardmäßige Nuscheln der Hessen. Aber das ist dem Hessen letztlich auch Worscht. Dann spricht man das halt normalerweise anders aus. Passt. Der Bayer hingegen verliert seinen Humor. Über Kemie, den FC Bayern und die Wiesn macht man keine Späße.

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4 Antworten

  1. Öhm – also zumindest ICH sage “Kitinpanzer”…. vermutlich auch noch der eine oder andere Bayer. Auf die Idee, daß die Aussprache falsch sein könnte, bin ich bis dato noch gar nicht gekommen. Ich amüsiere mich auch immer köstlich über Leute, die “CHemie” statt “Kemie” sagen, weil das CH für mich komisch klingt *g*
    Jedem Tierchen sein Pläsierchen sag ich mal :-D

    • Es ist ja auch okay, wenn es sich für einen komisch anhört. Mir geht es dabei eher darum, dass die Bayern das “k” vehement verteidigen anstatt einfach zu sagen “Jo mei, ist halt falsch, sagt man hier aber so.” Ich erwarte nicht, dass sie ihre Aussprache ändern, darum geht es mir nicht.

  2. Aber wissen Sie was Sie enttarnt? Ein Bayer würde nie (!!!) einfach nach Steinen suchen um damit nach jemanden zu werfen. Wir würden vorher mindestens dreimal gucken, ob irgendwo die Polizei steht, denn vor der haben alle Bayern Angst.
    Ansonsten geh ich aber bei allem mit!

    • Ich bin mir aber nicht sicher, ob die bayerische Polizei in diesem Zusammenhang nicht ebenfalls nach Steinen sucht … Aber stimmt, Steinewerfer sind eigentlich eher wir Hessen … un alle Hesse sin Väbräschä, denn sie klaue Aschäbäschä. Klaun se keine Aschäbäscha, sinn die Hesse Mässäsdäschä. :-)

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