Hier gibt es sie nun also zu lesen, die Wahrheit über die Schweinegrippe. Zumindest das, was ich nach einigen Recherchen, Überlegungen und Gesprächen für das Wahrscheinlichste halte. Wieso wird um die Schweinegrippe so ein Aufsehen, ja gar eine Panik gemacht, wo diese Grippe doch so vergleichsweise harmlos verläuft?
Eines Vorweg: Ich bin ja durchaus ein Freund von guten Verschwörungstheorien. Nicht, weil ich diese glaube, sondern weil es einfach Spaß macht, wild über so manche Dinge zu spekulieren. Herrlich, sich vorzustellen, dass bisher noch niemand wirklich auf dem Mond war. Sehr interessant, bei der Titanic an einen riesigen Versicherungsbetrug zu denken (in der Tat ein sehr interessantes und lesenswertes Buch). Eher fraglich, dass 9/11 von der CIA selbst inszeniert wurde. Unstrittig dagegen, dass Bielefeld gar nicht existiert.
Im Fall der Schweinegrippe halte ich allerdings nichts von den bisherigen Verschwörungstheorien. Schon gar nichts von denen von Frau Bürgermeister, nach der die Grippeimpfung ein geplanter Genozid sei und die Schweinegrippe selbst Bioterror.
Meiner Ansicht nach kamen hier ein paar Dinge zusammen. Als die ersten Fälle der Schweinegrippe im Frühjahr diesen Jahres irgendwo in Südamerika auftraten, da war nur eines klar. Das Virus hat das Potential, sich zu einer Epidemie oder gar Pandemie auszubreiten. Das beinhaltet noch nicht Aussagen zu einer möglichen Mortalität des Virus, nur dass es ansteckend genug ist, sich mit Pech global auszubreiten. Gut, das hat es ja letztlich auch getan. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, wie sich das Virus entwickeln würde. Würde es mutieren? Würde es sich zu einer zweiten spanischen Grippe entwickeln? Würde es tödlich sein oder werden? Würde es gelingen, rechtzeitig einen Impfstoff zu entwickeln? Würde es mit herkömmlichen Mitteln (wie Tamiflu) behandelbar sein? Oder würde es völlig harmlos im Sande verlaufen?
Fakt war: wenn man warten würde, bis es sich global verbreitet hat, dann könnte es zu spät sein, etwas effektiv dagegen zu tun. Also mussten die Staaten und Regierungen frühzeitig über eine mögliche Seuchenpolitik nachdenken. Dazu mussten sie sich natürlich auch mit der Pharmaindustrie absprechen. Der bösen Pharmaindustrie, die den Impfstoff nur entwickelt hat, um Geld zu machen. Unter uns: die Pharmaindustrie würde wahrscheinlich mehr daran verdienen, ungeimpfte Patienten zu behandeln, als Patienten zu impfen. Aber das nur mal so am Rande.
Aber worüber mussten die Regierungen denn da eigentlich nachdenken? Nun, sie mussten ein paar Szenarien entwickeln, was passieren könnte.
Best Case:
Das Virus verpufft irgendwo zwischen Rio Grande und Amazonas.
Worst Case:
Das Virus verbreitet sich schnell und effektiv und entwickelt eine hohe Mortalitätsrate.
Sollte hier eine flächendeckende Impfung durch die Regierung vorher sichergestellt worden sein, so hätte die Regierung alles richtig gemacht und würde gefeiert.
Sollte man das Virus unterschätzt haben, so würde die Bevölkerung (völlig zu Recht) Fragen, warum Deutschland plötzlich nur noch 50 Millionen Einwohner hat und die Regierung nichts dagegen getan hat, während dann zum Beispiel Schweden oder Italien, oder Frankreich oder Timbuktu alles richtig gemacht hätten.
Dazwischen gab es so einige Varianten, die mehr oder weniger gut oder schlecht wären.
In meinen Augen ist es da schon richtig, grundsätzlich sich zu Anfang eher am Worst Case zu orientieren. Lieber stehe ich nachher blöd da, als dass ich ganz alleine ohne Bevölkerung da stehe. Also wurde der Pharmaindustrie signalisiert, dass man an einem Impfstoff interessiert sei und in diese Richtung geforscht werden solle. Wie man sieht, war dieser Zeitraum schon sehr knapp bemessen, also war es richtig, so früh zu handeln. Aber natürlich müssen dann auch schon bestimmte Abnahmevereinbarungen getroffen werden. Für die Pharmaindustrie, die natürlich eine gewinnorientierte Industrie ist, wie jede andere auch, wäre es sonst ein zu hohes Risiko, auf den Entwicklunskosten alleine sitzen zu bleiben.
Während die Zeit verging und die Entwicklung des Impfstoffes voran schritt, zeichnete sich schon langsam ab, dass sich die Schweinegrippe (glücklicherweise) nicht zu einer tödlichen Pandemie entwickeln würde. Der Krankheitsverlauf war allerdings noch nicht so ganz klar. Es gab schwerere Fälle und leichtere. Aber eines zeichnete sich zusehends ab. Die „normale“ Influenza befällt vorrangig ältere Menschen, geschwächte Menschen, kranke Menschen. Die Schweinegrippe jedoch gesunde und relativ junge Menschen.
Nun könnte man natürlich meinen, dass sei doch super. Wenn eher gesunde, junge Menschen befallen werden und das ganze nicht tödlich verläuft (zumindest verglichen mit anderen Krankheiten wie Influenza), dann ist doch alles in Ordnung. Aber was ist denn genau der unterschied zwischen jungen, gesunden Menschen und älteren und schwächeren Menschen? Anteilig betrachtet sind die jungen, gesunden Menschen genau diejenigen, die arbeiten und weniger Rentner oder aus gesundheitlichen Gründen nicht Erwerbstätige.
Das mag nun zynisch klingen, ist es aber gar nicht. Wie gesagt, der genaue Krankheitsverlauf war noch unklar. Klar war jedoch, dass sich das Virus schnell verbreitet und vorrangig die Erwerbstätigen befällt. Angenommen, die Schweinegrippe streckt plötzlich im Schnitt die infizierten Personen für 2 Wochen nieder und sie befällt 60% der Bevölkerung. Volkswirtschaftlich betrachtet wäre dies ein Desaster. Gerade in Zeiten, in denen wir ohnehin in einer Krise stecken.
Und der Virus hat sich rasant verbreitet. Weitaus mehr, als man offiziellen Zahlen entnehmen kann. Und nein: das ist keine Übertreibung meinerseits, das ist de Facto so. Allerdings werden (außer bei vereinzelten Ärzten) Schweinegrippetests nur unter bestimmten Gesichtspunkten durchgeführt. Das resultiert zum einen aus dem tatsächlich eher harmlosen Krankheitsverlauf (den man vorher eben nicht so genau einschätzen konnte). Zum anderen dürfen Ärzte derzeit diese Tests gar nicht mehr so ohne weiteres durchführen. Dies ist nur erlaubt, wenn ein begründeter Verdacht vorliegt und eine Behandlung mit Tamiflu bei positivem Ergebnis noch Sinn machen würde. Tamiflu ist nur wirksam, wenn es innerhalb der ersten 48 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome verabreicht wird. Das Testergebnis lässt aber schon 24 bis 48 Stunden auf sich warten. Wenn man nun noch bedenkt, dass kaum jemand direkt mit Auftreten des ersten Symptoms zum Arzt geht, so bleibt nur noch ein winziges Zeitfenster offen, welches einen Test rechtfertigen würde. Dazu unterscheidet sich die Behandlung der Schweinegrippe so gut wie gar nicht von der Behandlung der normalen Influenza.
Also ist es nur logisch (und volkswirtschaftlich konsequent), wenn ich als Staat versuche, möglichst viele (erwerbstätige) Bürger zu impfen und somit die Wirtschaft keiner Gefahr auszusetzen. Aber Hand aufs Herz: Wieviele würden sich impfen lassen, wenn die Volkswirtschaft als Begründung geliefert würde, sich bitteschön impfen zu lassen? Wohl ein niedriger einstelliger Prozentsatz. Da liegt die Impfquote derzeit aber deutlich besser.
Natürlich spielen dann auch noch andere Faktoren eine weitere Rolle. Zum Beispiel will man auch sein Gesicht nicht verlieren, in dem man sagt „Ätschibätsch, wir haben die ganzen Impfungen gekauft, alle kirre gemacht, aber war für die Katz … sorry.“ Das würde eine ähnliche Aktion in der Zukunft schon im Vorfeld zunichte machen.
Nun kann man sich als geneigter Leser unseres Blogs natürlich fragen, warum wir uns derzeit ein paar Sorgen machen bzgl. der Schweinegrippe. Immerhin hatte unsere Tochter sie sich im Kindergarten eingefangen und wir machten uns Sorgen, ich selbst habe sie wohl und bei meiner Frau ist nicht klar, ob sie nun die Schweinegrippe hat oder „nur“ eine Brustentzündung und sie bekommt Tamiflu und ein Test wird gerade gemacht. Nun, das hat folgenden Grund. Bei einer Erkältung, einem Schnupfen oder ähnlichem wäre es uns herzlich egal. Bei der Schweinegrippe oder der Influenza allerdings nicht. Denn beide werden am schnellsten und auch erfolgreich mit Tamiflu behandelt. Jedoch gibt es zu einer Behandlung von Tamiflu bei Säuglingen keinerlei stichhaltige Untersuchungen. Unser kleiner Chef könnte also im Falle einer Infektion nicht mit Tamiflu behandelt werden, sondern müsste direkt ins Krankenhaus eingeliefert werden und dort versorgt werden. Kein wirklcih prickelnder Gedanke. Der sogenannte Nestzschutz ist zwar sehr effektiv, aber so richtig richtig effektiv nur gegen Erreger, deren Antikörper in Mamas Kreislauf existieren. Wenn dieser Körper aber vorher nicht mit Influenza oder Schweinegrippe in Kontakt war, so besteht „nur“ der allgemeine Nestzschutz. Das ist zwar schon etwas, aber eben auch nicht so ganz. Ist so in etwa wie „ein bisschen verhüten“.
Wir glauben zwar fest, dass er sich nicht ansteckt, aber sicher können wir eben nicht sein. Deswegen bekommt Mama auch Tamiflu, damit sie, wenn der Test positiv sein sollte, nur möglichst kurz die Viren verbreitet. Sollte der Test negativ sein, so könnten wir nach nicht mal 50% der Tamiflu-Behandlung jedoch schon Tamiflu wieder absetzen. Deswegen der Test.


