Tage wie dieser

Heute ist Montag. Und nicht nur irgendein Montag, sondern ein echter Montag. Also ein Montag, der allen Klischees zum Thema Montag gerecht wird. Ein Tag, für die Biotonne.

Nach einem wunderschönen Wochenende begann der Tag mit einer schlechtgelaunten kleinen Chefin. Schlechtgelaunt, weil heute wieder Kindergarten ist. Was genau sie am Kindergarten störe, kann sie nicht sagen. „Nix“ stört sie. Der Kindergarten mache Spaß und auch die anderen Kindern seien alle okay und keiner würde sie ärgern, sagt sie, während ihr die Tränen über die Wangen strömen und anscheinend eben doch nicht alles okay ist.

Später, so weit wieder normal, frühstückt sie, macht ein Puzzle und zieht sich ohne Murren und Meckern Jacke und Schuhe an und wir brechen zum Kindergarten auf. Gut gelaunt. Sie erzählt und ist anscheinend wieder gut drauf. Sie wird sogar freudig von anderen Kindern begrüßt. Philip fragt gleich „Hey kleine Chefin. Schön, dass du da bist. Geht es dir wieder gut?“ und die kleine Chefin steht da, schweigt und nickt nur kurz. Laura kommt herein „Hey kleine Chefin, du bist ja wieder da!“ verkündet sie strahlend und wird von der kleinen Chefin gänzlich ignoriert.

Nun ist die kleine Chefin fertig umgezogen und es geht zur Gruppentür. Die kleine Chefin öffnet die Tür, dreht sich zu mir um, fällt mir um den Hals und fängt an zu Schluchzen und Weinen. Sie klammert sich mit aller Kraft an meinen Hals und nur mit Mühe kann ich sie etwas lösen, um ihr in die Augen schauen zu können. Aber auch diesmal kann sie mir nicht sagen, was sie bedrückt. Alles sei in Ordnung und im nächsten Moment fällt sie mir wieder um den Hals und klammert sich fest und weint. Der kleine Chef steht verdaddert daneben und weiß gar nicht, was er mit dieser Szene anfangen soll. So etwas hat er von der kleinen Chefin noch nie erlebt. Er steht auch nur mucksmäuschenstill daneben und guckt. Und die kleine Chefin ist nur noch mit sachter Gewalt von mir zu trenne. Sie krallt sich in meine Jacke und ruft, sie wolle zu ihrem Papa. Und mir reißt das Herz und ich bin verzweifelt, weil ich nicht weiß, was mit ihr los ist oder wie ich ihr helfen kann. Sicher ist nur, dass ich in die Arbeit muss, dass ich nicht bleiben kann oder wieder mit ihr nach Hause gehen kann.

Später ruft mich der Kindergarten noch einmal an. Alles sei in Ordnung. Sie habe sich schnell beruhigt und mit der Erzieherin im Ruheraum etwas gequatscht. Was los sei, wissen sie auch nicht genau. Phasen eben. Vielleicht macht sie einen Entwicklungsschub. Außerdem komme ich nun abends später Heim, als früher. Außerdem sind ihre engsten Freundinnen in der Vorschule und sie nicht. Es kommt halt viel zusammen. Aber nichts davon an sich scheint sie so zu beschäftigen, dass es so richtig erklärt, was mit ihr los ist. Wir sollen versuchen, sie weiter zu motivieren. Über den Kindergarten möglichst positiv sprechen. Aber das machen wir ohnehin schon. Es bleibt wohl nicht viel anderes übrig, als zu hoffen, dass es vorbei geht und sie gestärkt daraus hervor kommt. Aber es belastet. Es belastet und nagt an uns. Einfach, weil wir uns natürlich Gedanken um sie machen und Sorgen. Und das Gefühl haben, hilflos daneben zu stehen. Wie kann man seiner Tochter helfen, wenn man nicht mal weiß, wobei genau? Da sein, lieb haben, spielen, drücken … klar. Aber es hilft ja nicht im Kern.

Und als ich den Kindergarten verlassen will, um den kleinen Chef in die Krippe zu bringen bekomme ich noch einen weiteren Schlag ab. „Kleiner Chef, ich habe heute leider kein Foto für dich“ hätte wohl Heidi Klum gesagt. Übersetzt bedeutet es, dass wir aktuell keinen Kindergartenplatz für den kleinen Chef bekommen haben. Er steht auf Platz 4 der Warteliste, aber Stand heute kommt er im September nicht in den Kindergarten. Alles voll. Auch für Geschwisterkinder. Und das, obwohl bei uns im Kindergarten gut 30 Plätze frei werden. Nur in den anderen der Gemeinde eben nicht. Und daher müssen sie erst diese Kinder aufnehmen.

Klar, er ist aktuell in der Krippe und die können ihn nicht rauswerfen, wenn er keinen Kindergartenplatz hat. Aber es hätte natürlich auch der kleinen Chefin gut getan, wenn ihr Bruder zu ihr in den Kindergarten kommt. Und auch für uns würde dies einiges leichter machen. Es ist natürlich logistisch leichter, nur eine Kinderbetreuungsstätte anzufahren, sowohl morgens als auch nachmittags. Und es ist natürlich auch eine Kostenfrage. Die Gemeindekrippen waren voll, daher haben wir nur einen Platz in einer privaten Einrichtung bekommen. Und die lassen sich so einen Krippenplatz vergolden. Mit knapp 500,- Euro pro Monat ist das in Bayern einfach kein Spaß.

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3 Gedanken zu “Tage wie dieser

  1. Fragt mal bei der Gemeinde an, ob es einen finaziellen Zuschuss gibt, wenn der kleine Chef in einer nicht-kommunalen Einrichtung ist, weils in der gemeindeeigenen keinen Platz gibt. (in Unterföhring gibts 100/150 EUR pro Monat in solchen Fällen – also fühlbar)

    Ansonsten vollstes Mitgefühl – wir werden den Kleinen Sohn nun aus dem Kiga nehmen, weil wir nicht mehr die Kraft haben gegen seinen Widerstand anzureden/-kuscheln/-fühlen – wie das werden soll, wenn ich wieder arbeite, ist mir schleierhaft. (Trotzdem sind wir erleichtert diese Entscheidung getroffen zu haben – er weigert sich abends ins Bett zu gehen, weil er für den Kiga nicht fitt zu sein braucht, weil er nicht hin will und ihn morgens ins Auto zu packen ist ein einziger Gewaltakt, vom Aufstehen, Anziehen und Frühstücken mal ganz zu schweigen)

  2. Oh, ich kenne das Problem nur zu gut. Wir konnten auch im Nachhinein keine Gründe herausfinden, warum es auf einmal beim Abschiednehmen im Kindergarten so quer lief. Vielleicht tröstet es euch, dass es bei uns tatsächlich immer nur Phasen waren, die mal mehr oder weniger lang dauerten. Ganz schlimm wurde es im letzten Kindergartenjahr, da hatte sie schlichtweg keine Lust mehr auf den Kindergarten. Wir haben dann Urlaubsscheine eingeführt, die sie selbst bei uns einlösen konnte. Ging natürlich nur, weil wir eine Oma im Hintergrund haben, wo sie dann hingehen konnte. Vielleicht gibt es bei euch auch so eine Möglichkeit solche Urlaubsscheine auszuteilen. Manchmal reicht es, wenn sie wissen, dass sie im Notfall die Möglichkeit hätten. Ich wünsche euch viel Kraft für diese Phase. LG Frau Zausel

  3. hier auch eine gelegentlich bockige tochter. wobei wir so abschiedsschmerz noch nie hatten. es blieb bisher bei der ankündigung sie wolle nicht in den kindergarten. weil sie lieber zu hause bleiben wolle, so. also nicht unbedingt irgendein innerer konflikt, sondern mehr ne art grenzen testen oder so. da konnte man dann ganz einfach erklären, dass mama/papa arbeiten gehen und der kiga eben die „arbeit“ für kinder wäre, zu der sie gehen müsste, weil ja niemand zu hause wäre, der sich sonst ihrer annehmen könnte. dann ging das. aber eben nur, weil da offensichtlich nichts „ernsteres“ dahinter steckte.
    wünsche euch sehr, dass die kleine chefin wieder ihr gleichgewicht findet. erst mal abwarten und schauen ob es „nur“ eine phase ist. dafür schon mal viel kraft und durchhaltevermögen und so. ist für eltern genauso schwer – wenn nicht gar schwerer – wie für die kleinen… mutter/väterherzen zerreissen so schnell. seufz.

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