Selbständigkeitstraining

„Papa? Kann ich mal alleine zum Bäcker?“ fragte die kleine Chefin vor kurzem beim Semmeln holen. Hhhmmmmm alleine zum Bäcker? Mit dem Fahrrad? Okay, der eine Bäcker ist nicht so weit weg. Sie kann einfach eine Straße auf dem Fuß-/Radweg bis dorthin fahren. Andererseits muss sie dabei zwei Straßen überqueren. Außerdem was, wenn irgendetwas nicht so läuft, wie es sollte? Wenn sie das Fahrrad abschließen will und es nicht klappt. Tendenziell fragt sie niemanden um Hilfe, sondern bricht in Tränen aus. Zusätzlich ist sie gerade mal fünfeinhalb Jahre alt.

Andererseits kann man sich auf sie gerade beim Radfahren blind auf sie verlassen. Außerdem sollen ja auch wir Eltern loslassen können und Verantwortung übertragen und Vertrauen schenken. Ist ja wichtig für die Entwicklung der Kinder.

Also haben Mama und Papa das Ganze mal daheim besprochen und haben einen Entschluss gefasst. Dieses Wochenende ging es los. Wir begannen das Selbständigkeitstraining.

Samstag Früh einen Zettel geschrieben, was wir vom Bäcker brauchen und diesen mit Geld in den Geldbeutel der kleinen Chefin gepackt. Geldbeutel in den Rucksack und diesen der kleinen Chefin gegeben. Diese schaute nur mit großen Augen. Und dann ging es los. Kleine Chefin und Papa fuhren mit dem Fahrrad zum Bäcker. Allerdings folgendes besprochen: Der Papa ist nur der stumme Schatten, der mit dem Fahrrad hinterher fährt und auch beim Bäcker draußen wartet. Nur zur Sicherheit, falls irgendetwas wäre. Damit sie weiß, Papa ist da und sie könnte nachfragen. Also fuhr die kleine Chefin vorneweg. Den ganzen Weg. Beim Bäcker dann Fahrrad abgestellt (mit der Ansage, dieses NICHT abzuschließen) und alleine rein. Dort dann den Zettel abgegeben, alles in den Rucksack packen lassen, Geld gegeben und Wechselgeld mit Kassenbon in den Geldbeutel gesteckt. Danach von einem Ohr bis zum anderen grinsend und vor Stolz fast platzend raus und zum Fahrrad. Aufgestiegen und ab nach Hause. Papa, der schweigende Schatten wieder hinterher.

Sonntag wollte der kleine Chef auch mit. Also kleine Chefin vorneweg und hintendrein der Papaschatten mit dem kleinen Chef auf dem Laufrad. Die kleine Chefin war natürlich schon nach kürzester Zeit am Horizont verschwunden. Aber sie bewies, wie man sich mit dem Fahrrad auf sie verlassen kann. Denn an beiden Straßen, die sie überqueren musste, wartete sie geduldig, bis wir kamen und Papa das okay gab, diese zu überqueren. Dann wieder Rad abgestellt, rein zum Bäcker und raus aus dem Bäcker. Business as usual, quasi.

Es folgte Selbständigkeitstraining Stufe 2. Ich sagte ihr, wenn sie mir verspräche, an beiden Straßen gut zu schauen und im Zweifel lieber anzuhalten, dann brauche sie nicht auf mich und den kleinen Chef warten, sondern dürfe bis nach Hause fahren. Große Augen, stolze Augen und dann fuhr sie los. Bis nach Hause. Wie eine Große. Und erneut bewies sie, wie man sich auf sie verlassen kann. Bei der ersten Straße war sie sich nicht ganz sicher und wartete erst kurz. Als dann ein älteres Ehepaar ebenfalls dort mit den Rädern über die Straße wollte, hängte sie sich zum Überqueren kurzentschlossen einfach dran und radelte mit ihnen gemeinsam über die Straße und danach wieder alleine ihres Weges.

Demnächst wird sie also mal alleine zum Bäcker radeln und wir daheim auf glühenden Kohlen sitzen …

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4 Gedanken zu “Selbständigkeitstraining

  1. *lach*
    Das kommt mir alles sehr sehr bekannt vor. Das Training läuft bei uns auch schon. Anfangs etwas unfreiwillig, denn wenn der Junior mit dem Fahrrad zum KiGa fährt und ich mit Kinderwagen hinterhergehe, bin ich einfach langsamer. Anfangs gab’s „Stop-Punkte“, an denen er auf mich warten musste (Verkehrsinsel, Strasseneinmündung..) Doch schnell wurden diese ignoriert (ich akzeptierte es in dem Wissen, dass er das mit der Strassenüberquerung und dem Achten im Allgemeinen toll macht. Inzwischen ist er meistens schon fünf Minuten im Kindergarten, bis wir endlich ankommen.
    Andere Teile des Trainingsprogramms: alleine zum Postkasten fahren (zum einen muss keine Strasse überquert werden, zum anderen eine 30er-Strasse), alleine zum Supermarkt fahren (und KinderJoy kaufen *gg*). Neuester (bereits umgesetzter) Wunsch. Alleine zum Kindergarten gehen (und auch zurück) – ich frag mich manchmal, warum ich noch hinterherlatsche.
    Nächster Programmpunkt: alleine zum Kumpel fahren. Aber auch da seh ich keine Probleme, der wohnt quasi schräg gegenüber vom einen Postkasten..

    Es gab aber auch schon „Beschneidungen“ der Freiheit: das alleine-zum-Spielplatz-gehen ist erstmal gestrichen, weil er sich nicht an die Veranredung, dort auf mich zu warten, gehalten hat.

    Bei aller Selbständigkeit aber auch Fragen, die mir keiner beantworten kann: der Schulweg später beträgt ca 5 Minuten, weniger als zum KiGa. Ich weiss, dass er gerne mal noch hier und da schaut. Ist ja auch okay. Aber: ab welchem Zeitraum zwischen Schulschluss und nicht-zuhause-ankommen muss ich mir Sorgen machen und nach ihm gucken!? Ich weiss, alles wird sich ergeben, aber da ist die freiheitgebende Mutter in mir im Clinch mit der Glucke

    :))

  2. Da hätte ich auch prima einen eigenen Blogeintrag draus machen können 😀

    • Ja, dieses auf heißen Kohlen sitzen und nicht wissen, ab wann man mal nachschauen müsste, das ist wirklich schlimm. Beim Bäcker ja ähnlich. Hin und zurück zusammen etwa 15 Minuten, aber wie viel ist beim Bäcker los? Kommt sie gleich ran, dann braucht sie insgesamt 20 Minuten, aber wir standen auch schon mal 15 Minuten an …

      Ich weiß noch von mir, dass ich einmal nach der Grundschule richitg Ärger bekommen hatte. Ich war nicht gleich nach Hause, sondern mit einem Freund in die Berufsschule nebenan. DIe hatten nämlich ein Aquarium im Keller stehen und wir haben Fische geguckt …

      Und einen Blogeintrag kannst du ja trotzdem noch machen 😉

  3. Oh, das kann ich soo gut nachvollziehen und mir graut schon schrecklich vor dem Tag, wenn es bei uns mal soweit ist. Noch ist an sowas ja nichtmal im Ansatz zu denken…aber früher oder später wird die kleine Fee auch mal allein zum Bäcker wollen. Immerhin muss sie hier nur eine Straße direkt vorm Haus überqueren. Trotzdem…

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