Lasst Kinder einfach Kinder sein

Kindheitserinnerungen. Davon habe ich eine ganze Menge. Glücklicherweise vorwiegend Gute. Manchmal sind es nur Momentaufnahmen, quasi Sekunden-Flashbacks, manchmal sind die Erinnerungen noch komplett. Ich erinnere mich daran, wie ich im Herbsturlaub auf dem Bauernhof mit dem Roller durch die Pfützen gerast bin. Daran, wie ich einmal die Stalltür öffnete und ein sich losgerissener Stier auf mich zujagte. Im letzten Moment habe ich es noch raus geschafft und die Tür hinter mir zugeknallt. Ich weiß auch noch, wie ich später auf diesem Bauernhof mit etwa 14 oder 15 Jahren den Traktor selber fahren durfte, weil eine helfende Hand fehlte und der Zaun abgebaut werden musste. So erklärte man mir kurz den Traktor und ich fuhr langsam auf dem Feld neben den Bauern her.

Ich weiß noch, wie ich mit meinen Freunden mitten im Wald in den Felsen Räuber und Gendarm spielte.

Ich weiß noch, wie wir uns im Winter mit den anderen Kindern zum Schlittenfahren trafen. Auf der „Genickbrechbahn“, so nannten wir die Strecke nicht zu Unrecht, denn sie führte mitten durch den Wald und ich kann mich noch an die Schmerzen erinnern, als mein Schlitten im Schnee an einem Baumstupmf hängen blieb und ich per Salto und Purzelbaum die nächsten Meter ohne Schlitten zurücklegte. Und ich sehe noch immer vor mir, wie schnell die Beule über dem Auge von Malte anschwoll, als dieser gegen einen Baum fuhr. Auch die Platzwunde am Schienbein von Andres, meinem damals besten Freund werde ich nicht vergessen. Er hatte meinen Bob ausprobiert und die Kontrolle verloren. Gebremst hat er unsanft mit dem Schienbein an einem Metallpfosten.

Mit Andres unternahm ich auch nächtliche Streiftouren durch fremde Gärten, wenn ich bei ihm im Garten im Zelt übernachtete. Bei ihm habe ich mir auch einen Ast ins Auge gehauen. War weniger lustig, ging aber gut aus. Auch meine aufgeschlagene Lippe nach Fahrradsturz wurde bei ihm erstversorgt.

Ich erinnere mich natürlich auch an Kinderturnen und musikalische Früherziehung und an den Sportverein später genau so wie an die Klavierstunden. Aber die allermeisten Erinnerungen die mir spontan einfallen und die wirklich schöne Erinnerungen sind haben eines gemeinsam: sie sind ohne meine Eltern.

Das spricht jetzt allerdings nicht gegen meine Eltern, sondern viel mehr für sie. Denn sie haben mir die entsprechenden Freiräume gelassen, all diese Erinnerungen sammeln zu können. Sie haben losgelassen und mich nicht rund um die Uhr, quasi 24/7 bespaßt. Sicher, dabei habe ich auch allerhand blödsinn angestellt und Verletzungen gab es auch genügend. Aber soll ich Ihnen mal was sagen? Jede einzelne Verletzung war es Wert. Für den Spaß den ich hatte waren sie ein geringer Preis.

Wir versuchen nun selbst auch unseren Kindern solche Freiräume zu geben. Das ist nicht immer leicht. Ganz im Gegenteil. Als wir die kleine Chefin das erste Mal alleine zum Bäcker schickten war schon eher schwierig für uns. Auch als der kleine Chef mit 18 Monaten begann, alleine auf das Baumhaus zu klettern. Die Luft haben wir mehrfach angehalten und oftmals haben wir lieber einfach gar nicht hingesehen.

Daneben bieten auch wir unseren Kindern gewisse Freizeitaktivitäten an. Wir waren im Kinderturnen und werden demnächst ins Hockey gehen. Die kleine Chefin machte einen Schwimmkurs und sie war früher auch im Babyschwimmen. Aber das sind eigentlich eher Ausnahmen. Die Woche ist nicht straff durchgetaktet, sondern es findet sich immer noch genügend Zeit für spontane Verabredungen mit Freunden. Nichts von wegen Montag Malkurs, Dienstag Klavier, Mittwoch Ballet, Donnerstag Logopädie, Freitag Englisch und Samstag Wettkämpfe.

Gestern war ich bei einer Veranstaltung von Jako-o. Ich schrieb ja bereits, dass ich dort eingeladen wurde und das Ganze doch wirklich interessant klang. Den Jako-o startet eine Kampagne unter dem Motto „Lasst Kinder einfach Kinder sein“. Denn auch ihnen ist aufgefallen, dass die Kinder heute immer weniger Kind sein dürfen. Da wird gefördert und gefordert und gedrängt und bespaßt und am Ende bleiben die tollen Kindheitserinnerungen auf der Strecke. Aber leider wird man ja mittlerweile auch oft schräg angesehen, wenn man am Spielplatz sitzt und liest, statt mit dem Kind zusammen im Sand zu buddeln. Oder wenn man an 4 Tagen in der Woche keinen Kurs mit dem Kind besucht, sondern das Kind einfach mal draußen oder drinnen spielen oder sich langweilen lässt.

Es gab noch viele weitere interessante Informationen, die ich hier gar nicht alle wiedergeben kann. Zum Beispiel den Versuch mit Kindern, bei denen drei Gruppen getestet wurden. Jemand kommt wortlos in einen Raum mit einem Stapel Bücher auf dem Arm und will diese in einen Schrank räumen. Dieser ist aber zu und er alleine kann ihn nicht öffnen, sondern stößt mit den Büchern gegen die Schranktür. Im ersten Anlauf halfen alle Kinder ungefragt und unaufgefordert und öffneten den Schrank. Nun wurde die eine Gruppe mit einem kleinen Geschenk belohnt, die zweite wurde nur gelobt und bei der dritten Gruppe wurde die Hilfe einfach nur hingenommen. Bei einer Wiederholung des Versuchs halfen ab sofort nur noch die Kinder der zweiten und dritten Gruppe ungefragt und gerne. Die aus der ersten wollten erst einmal wissen, was sie denn dafür bekämen, wenn sie helfen würden.

Ebenso, dass man nur mit einer emotionalen Beteiligung lernen kann. Am besten mit Spaß. Angst (auch Prüfungsangst, oder die Angst Eltern zu enttäuschen) ist auch eine Emotion, die beim lernen hilft, aber bei weitem nicht so gut und langfristig, wie Spaß.

Sicher ist dies auch ein Marketingtool von Jako-o, aber das finde ich legitim. Wichtig ist doch, dass wir vielleicht einmal einen Schritt machen können, von gesellschaftlichen Zwängen abzurücken.

Mich würde nun noch freuen, wenn ihr mir eure schönsten Kindheitserinnerungen schreiben würdet, die euch spontan einfallen.

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7 Gedanken zu “Lasst Kinder einfach Kinder sein

  1. Hallo, ich habe im Nachgang zum Jako-O Workshop in Berlin von deinem Blog erfahren. Wieso kannte ich den eigentlich bis jetzt noch nicht…? Hier werde ich sicher noch ganz viel hin- und her klicken und schmunzeln.

    Mein erster Bericht ist da weit aus kürzer ausgefallen… 😉 Ich finde den Sport auch gut gemacht. Er dürfte allerdings auch für hitzige Diskussionen sorgen. Aber das ist ja durchaus gewollt.

    http://www.berlinfreckles.de/kind_und_kegel/lasst-kinder-einfach-kinder-sein/2012/09/11/

  2. Einfach auf dem Spielplatz lesen… Schön, wenn Deine Kinder gelernt haben, zu spielen auch ohne Euch! Habe Ähnliches heute selbst gedacht, als ich Unkraut jätete und Junior samt Prinzeßchen wunderbar im Sandkasten spielte…

  3. Pingback: Nachtrag: Lasst Kinder einfach Kinder sein « Aus dem Leben zweier kleiner Chefs

  4. Hi,
    kann dir nur voll zu stimmen. Kinder sind Kinder, sind Kinder.
    Leider versuchen wir zu oft sie zu erwachsen zu behandeln.

    Ciao
    Sandra

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