Früher Einschulen: Ja oder Nein?

Letztes Jahr standen wir vor der Entscheidung: sollen wir die kleine Chefin vorzeitig einschulen, oder nicht? Sie ist ja ein Dezemberkind und in Bayern ist der Stichtag (oder besser Stichmonat) der September. Also alle, die bis September geboren wurden, sind Muss-Kinder. Die kleine Chefin war ein Kann-Kind. Beinahe wäre sie ein Muss-Kind geworden, da es eine Gesetzesänderung gab, die den Stichtag nicht mehr unterjährig setzen wollte, sondern am Geburtsjahr ohne Monatsberücksichtigung festmachen sollte. Dieses Gesetz wurde aber wieder zurückgenommen, weshalb uns also die Entscheidung nicht von der Regierung abgenommen wurde.

Vor der Frage, ob man das eigene Kind nun vorzeitig einschulen sollte oder nicht, stehen jedes Jahr wieder einige Eltern und daher halte ich nun hier einfach einmal unsere Sichtweise und Erkenntnis aus dem vergangenen Jahr, dem letzten Kindergartenjahr, fest.

Vom kognitiven Standpunkt aus war die kleine Chefin definitiv bereits letztes Jahr in der Lage, eingeschult zu werden. Da waren wir uns mit dem Kindergarten komplett einig. Der Umgang mit Zahlen und Worten war sehr gut im Schnitt, so dass von dieser Seite aus keine Bedenken herrschten. Dagegen war der emotionale Bereich durchaus noch förderbar. Also nicht im Bereich des Umgangs miteinander. Empathie hatte die kleine Chefin schon sehr ausgeprägt. Sie ging auf andere Kinder ein, kümmerte sich um kleinere Kinder. Aber sie steckte gerne sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse zurück. Streit und Unfrieden mochte (und mag) sie nicht und zog im Zweifel eben lieber zurück. Des lieben Friedens wegen. Die eigenen Bedürfnisse blieben dann ab und an etwas auf der Strecke.

Der Kindergarten riet uns daher, lieber dieses eine Jahr zu warten und sie ganz regulär einzuschulen. Unsere Bedenken waren freilich, ob sie sich dann nicht im letzten Kindergartenjahr recht langweilen würde. Oder schlimmer noch: würde sie in der Schule unterfordert sein und sich langweilen?

Wir machten uns viele Gedanken und sprachen mit vielen anderen über unsere Lage. Dabei erhielten wir sowohl den Ratschlag, sie regulär einzuschulen, als auch den Ratschlag, sie vorzeitig einzuschulen.

Hinzu kam noch ein weiteres Problem: Als sie in den Kindergarten kam, war dies ein sehr starker Jahrgang. Es wurden also mit ihr gemeinsam sehr viele Kinder gleichzeitig aufgenommen, von denen sie allerdings eine der Jüngsten war. Die Kindergartengruppen an sich sind altersgemischt, aber turnusgemäß verließen letztes Jahr auch wieder sehr viele Kinder den Kindergarten in Richtung Schule. Darunter 2/3 ihrer Gruppe und all ihrer Freunde, mit denen sie enger zu tun hatte und mit denen sie sich auch privat traf. Daran würde die kleine Chefin schon zu knabbern haben, das war uns auch klar.

Letztlich haben wir uns eben dazu entschieden, sie ganz regulär einzuschulen und sie dieses eine Jahr noch weiter in den Kindergarten zu schicken. Zum einen war unser Vertrauen in den Kindergarten so groß, dass wir ihnen schon einen guten Ratschlag zutrauten. Sie versicherten uns, dass sie schon so einige Kinder in der Situation der kleinen Chefin erlebt hätten und alle hätten dann im letzten Kindergartenjahr einein unglaublichen Entwicklungsschub gemacht.

Zum anderen bekamen wir auch den Rat von Grundschullehrern, die uns sagten, dass viele (sicher nicht alle) Kinder, die vorzeitig eingeschult wurden, die ersten Jahre gut meistern würden. Oftmals würden aber die ersten Probleme beim Schulübergang aufkommen und einige dieser Kinder hätten auch später in der Pubertät noch einmal mehr zu kämpfen, als andere Kinder.

Anfangs haben wir immer wieder einmal gezweifelt, ob die Entscheidung die richtige gewesen sei. Mittlerweile sind wir felsenfest davon überzeugt, dass die Entscheidung richtig war. Die kleine Chefin hat im letzten Jahr enorm an Selbstvertrauen gewonnen. Emotional ist sie einen riesigen Schritt weiter, als letztes Jahr. Es wird aber auch Zeit, dass sie nun in die Schule kommt. Sie liest mittlerweile schon Speisekarten und kurze Geschichten selbst. Sie rechnet im Zahlenraum bis 10 und hat auch mit Lautübungen keine Probleme. Hier ist sie nun definitiv deutlich weiter, als einige der Kinder waren, mit denen sie letztes Jahr eingeschult wurden. Über diesen Vorsprung sind wir aber auch froh, denn die kleine Chefin wird anfangs genug damit zu tun haben, sich in die neue Schule einzuleben, sich an Lehrer und Mitschüler zu gewöhnen. Sie kann sich nun darauf vollends konzentrieren, ohne dabei den Anschluss im Unterricht zu verpassen. Das Level in der Klasse wird sich ohnehin dann relativ schnell wieder angleichen, so dass sie sich nicht langweilen wird.

Auch wenn ich nun noch einmal durchrechne, dass ich mit 19,5 Jahren Abi gemacht habe und die kleine Chefin mit G8 und einer früheren Einschulung dann 17,5 Jahre alt gewesen wäre bin ich mir sicher, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Wir haben sie dieses eine Jahr länger noch einmal Kind sein lassen. Der Ernst des Lebens wartet ohnehin schon direkt hinter der nächsten Ecke auf die kleine Chefin und kommt viel zu schnell.

Auch den Verlust des Freundeskreises hat sie sehr gut verkraftet. Zu ein paar engeren Freunden hat sie weiterhin Kontakt, aber vor allem hat sie auch zu anderen im Kindergarten nun Freundschaften entwickelt, die sie vorher nicht hatte und mit denen sie nun in die Schule kommen wird. In der alten Clique war sie immer die Jüngste. Sie wäre dort in ihrer Entwicklung stehen geblieben und hätte sich weiter untergeordnet. Von daher waren diese 3 Wochen des alten und 3 Wochen des neuen Kindergartenjahres, in denen sie schon unter dem Verlust der Freund litt, richtig und gut. Natürlich erst rückblickend. Die Zeit selbst war schwierig.

.

Advertisements

8 Gedanken zu “Früher Einschulen: Ja oder Nein?

  1. Hallo,

    eine Frage hätte ich dazu mal. Wie ist das mit dem Rest der Kita-gruppe gewesen. Sind die eingeschult worden oder gehen die auch weiterhin in die Kita?
    Bei uns hat das noch Zeit, aber wenn wir so überlegen ist ein wichtiger Punkt auch der „Freundeskreis“, da ja teilweise die ganze Kita-gruppe in eine Klasse kommt.

    Viele Grüße
    Antje

    • Hallo,

      oh ja, gute Frage. Den Aspekt habe ich oben total vergessen und werde ihn noch nachtragen, der Vollständigkeit halber.

      Bei uns im Kindergarten ist es so, dass die Gruppen nicht nach Alter sortiert sind, sondern gemischt. Also in jeder Gruppe gehen jedes Jahr welche raus in die Schule und jedes Jahr kommen neue Kleine nach. Dennoch sind alle Freunde der kleinen Chefin letztes Jahr eingeschult worden. Das war anfangs schon schwer für sie.

      Aber in der Schule werden die einzelnen Gruppen bei uns durchaus wieder getrennt, da die Klasseneinteilung nach Sprengeln gemacht wird, die Kindergartengruppeneinteilung aber nicht.

  2. spannend. Wir stehen gerade vor der selben Entscheidung. Wir warten jetzt nochmal ab, was der CITA-Test ergibt und was der Kindergarten uns empfiehlt. Es hat alles so seine Vor- und Nachteile.. wirklich keine leichte Entscheidung.

    • Ja, wirklich keine leichte Entscheidung. Wir würden nur aus unserer Erfahrung heraus jedem dazu raten, zu warten (das reimt sich und was sich reimt ist gut 😉 ).

      Aber die Entscheidung muss natürlich jeder selbst treffen.

  3. Wir hätten diese Entscheidung gerne gehabt – mit einem Ende Septemberkind und damit Musskind…. ffür uns wäre damit ein Jahr mehr Kindergarten die Wahl gewesen, denn unserer hat immense Probleme mit der Feinmotorik und der Frustrationstoleranz – ein Jahr richtet nicht alles, aber er wäre einfach weiter… Nun denn, wir müssen jetzt da durch und wenn es massiv Probleme gibt, wird er eben ein Jahr freiwillig wiederholen, denn ich möchte nicht, dass er sein ganzes Schulleben hinter den anderen herhechelt, einfach weil er ein Jahr mehr braucht.

  4. Ich hätte auch das Jahr abgewartet. Meinen Ältesten hab ich vor 10 Jahren auf „Antrag“ einschulen lassen. Er ist damals 6 Wochen nach dem Stichtag 6 Jahre geworden. Nach drei Jahren Kiga dachte ich, dass das ok ist. Heute weiß ich, dass es ein Fehler war. Er hat sich allzu oft den anderen untergeordnet, war immer einer der Jüngsten. Ich merke es auch jetzt noch, er ist in der 10. Klasse, wird erst im August 16, hat schon 17 jährige Mitschüler, da liegen teilweise Welten in der Entwicklung dazwischen. (Für uns überwiegend nicht positiv)

  5. Gut gemacht, mit dem Warten! Ich bin ein mittlerweile fast 40-jähriges kann-Kind (bin im Oktober geboren) und hatte genau dieses oben beschriebene Problem: nach 2 Kindergartenjahren und mit einer grösseren Schwester, der ich nacheiferte, war ich in allen Belangen unheimlich weit, aber erst 5 Jahre alt. Die Grundschule war ein Spaziergang und ich kam mit sehr gutem Zeugnis und 9 Jahren ins Gymnasium. In der 5. Klasse waren manche Kinder bereits 11 (!) und ab der 6. Klasse war’s dann langsam problematisch. (OK, es kam sicher noch erschwerend hinzu, dass meine Eltern mich nicht in die „normale“ Klasse zu all meinen Freunden gesteckt haben, sondern fanden ich sei – als deutsch-italienisch bilinguales Kind – in der „Elite-Latein-Klasse“ besser aufgehoben… grosser Fehler). Hauptproblem für die Lehrer war, dass ich zu leise redete und ängstlich schien. Während der 7. Klasse ging es mir dann so schlecht, dass ich mitten im Schuljahr von einem auf den andren Tag in eine andere Schule und runter in die 6. Klasse geschickt wurde. Das war im Nachhinein die beste Entscheidung: nach 1 Jahr war ich Klassensprecher und zwar nicht nur weil ich ehrlich und emphatisch und sympathisch war, sondern auch weil ich mich, wenn nötig, getraut habe Wiederworte zu geben und manchmal frech zu sein. Ich würde ein kann-Kind definitiv warten lassen.

    • Danke für den Kommentar. Mal sehr interessant, das aus dieser Sicht zu lesen. Nicht aus Elternsicht, sondern aus der Erwachsenensicht einer Betroffenen. Dank dir dafür.

      Ich glaube auch, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s