Tante Emma und die Apotheker

Wenn man in eine Apotheke geht, dann weiß man in der Regel, was man will. Entweder hat man ein Rezept, oder man möchte Aspirin, Nasenspray oder was gegen Halsweh. Man äußert seinen Wunsch und der Apotheker oder die Apothekerin greift in ein Regal und verkauft einem das gewünschte Medikament. Ist so ein bisschen wie früher in den Tante-Emma-Läden. Für alle, die das nicht mehr kennen: ein Tante-Emma-Laden war so etwas wie ein Supermarkt, nur viel kleiner. Und drinnen lief man nicht durch Regale und bediente sich, sondern man ging zum Tresen, äußerte seine Wünsche und die Verkäuferin (Tante Emma) griff in ein Regal und gab einem das Gewünschte.

Tante Emma könnte aber in keiner Apotheke arbeiten. Also sie könnte schon, denn ausreichende Qualifikationen im ins Sortiment greifen hat sie, aber sie darf nicht. Nein, dafür muss man schon ein Pharmaziestudium in der Tasche haben. Zumindest, um eine Apotheke selbst führen zu können. Für den Verkauf reicht dann in der Regel eine Asubildung zum/zur PTA – Pharmazeutische(r) Technische(r) Assistent(in). Man muss die Leute ja eingehend beraten.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in einer Apotheke beraten wurde. Wurden Sie schon einmal bei dem Erwerb eines Nasensprays gefragt, ob Sie oder jemand in Ihrer Familie am grünen Star leidet? Nein? Nun, das wäre aber eine gute Frage. Die würde Tante Emma nicht stellen, denn sie hat keine Ausbildung zur PTA. Aber die PTAs in der Apotheke fragen das auch nicht. Sie greifen nur ins Regal und geben die Medikamente raus. Dann und wann übertragen sie noch einmal die Dosierung auf die Verpackung, aber das könnte Tante Emma auch.

Heute war ich mal wieder in einer Apotheke. Mit Rezept. Ich ging rein und gab mein Rezept ab. Die PTA zog mit dem Rezept von dannen, kam mit dem Medikament wieder und scannte es in den Computer ein, um den Preis zu erfahren. Währenddessen öffnet sich plötzlich die Tür und herein kommt eine junge Mutter mit einem kleinen Kind auf dem Arm. Das Kind war schätzungsweise ein Dreivierteljahr alt und die Mutter war in Tränen aufgelöst und sichtlich panisch. In leicht gebrochenem Deutsch stammelte sie zwischen den Tränen hindurch, dass sie Hilfe bräuchte. Ihr Kind habe etwas gegessen und nun würde es nicht mehr richtig atmen. Sie fragte, wo denn ein Kinderarzt sei.

Meine PTA blieb gelassen. Sie meinte nur „Einen Moment bitte!“

Ich war in dem Moment ehrlich gesagt ziemlich irritiert und wusste nicht genau, was ich machen sollte. Aber glücklicherweise kam in dem Moment eine Kollegin nach vorne und ein zweites Mal bat diese junge Mutter nun um Hilfe. Natürlich weiterhin in Panik und mit den Tränen kämpfend. Immerhin hatte sie das Gefühl, ihr Kind atmet nicht mehr. Aber glücklicherweise handelte es sich ja bei der Kollegin um eine gelernte PTA, wenn nicht gar eine studierte Pharmazeutin und so konnte sie auch gleich messerscharf schließen: „Ja Moment, ich bin auch kein Arzt!“

Das stimmt, Arzt ist sie nicht. Aber der befindet sich direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite. Da kam ich nämlich her. Ist zwar ein Allgemeinmediziner und kein spezialisierter Kinderarzt, aber wahrscheinlich aktuell die beste Wahl. Also ließ ich mein Rezept und mein Medikament liegen und brachte die arme Frau samt Kind über die Straße zum Arzt. Anschließend kehrte ich zurück in die Apotheke, bezahlte und fuhr Heim.

Was nun aus der Mutter und dem Kind wurde, weiß ich nicht. Ich vermute, es geht allen wieder gut. Eines weiß ich aber ganz sicher. Tante Emma hätte die junge Mutter aber stante pede unter den Arm gehakt und zum Arzt gebracht. Sicher mit einigen beruhigenden Worten. Ganz ohne Pharmaziestudium.

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6 Gedanken zu “Tante Emma und die Apotheker

  1. jaa, in einer Apotheke könnte man sterben weil einem niemand hilft. So eine ähnliche Erfahrung hab ich leider auch schon mal gemacht.

    Ein hoch auf mitdenkende und handelnde Papas!

  2. Also als Apothekerin bin ich auch mehr als verärgert und schockiert über derartige „Kolleginnen“ – aber nichts gegen Tante Emma, sie wäre dennoch für die Arbeit in einer Apotheke gänzlich ungeeignet, weil unqualifiziert. Ich würde mal schätzen, daß ca. 75% meiner pharmazeutischen Arbeit vom Kunden völlig unbemerkt im Hintergrund oder schlicht und ergreifend in meinem Kopf abläuft.
    GRuß aponette

    • Hallo hier 🙂
      Ich bestreite auch nicht, dass in einer Apotheke auch immer jemand arbeiten muss, der dort entsprechendes Expertenwissen hat. Ich bezweifle aber, dass jeder Angestellte dies haben muss. Vor allem bezweifel ich es deswegen, weil leider in allen Apotheken die ich kenne, keinerlei Beratung von sich aus stattfindet und auf Nachfrage in der Regel auch nur rudimentär. Und um Artikel aus dem Regal zu holen braucht man keine Fachkraft.

      Schön, wenn es auch andere gibt als die, die ich leider immer treffe.

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