Ein Fingerzeig

Zurück aus dem einwöchigen Bauernhofurlaub stand abends gleich die nächste „Veranstaltung“ auf dem Plan. Nämlich das zweite Spiel der Deutschen und zu diesem Anlass hatten wir uns noch mit Freunden verabredet, die ebenfalls genau an diesem Spieltag aus dem Urlaub zurück kamen. Vor dem Spiel wollten wir noch gemeinsam Grillen und dann mit den Kindern Fußball schauen. Aber ein paar Kleinigkeiten mussten in den 2 Stunden noch geschehen, die uns bis zur Verabredung noch blieben. Es musste zum Beispiel noch eingekauft werden, so ein Grill belegt sich ja nicht von alleine. Die Koffer wollten auch noch ausgepackt werden, machen die nämlich leider auch nicht von alleine.

Also Arbeitsteilung. Die Mama zog los zum Einkaufen und während die beiden kleinen Chefs im Garten spielten, kümmerte ich mich um die Koffer. Allerdings nicht sehr lange, denn auf einmal drang Geschrei aus dem Garten an meine Ohren. Diesmal kein Gezanke, sondern eindeutig das Geschrei, wenn sich einer weh getan hat. Ich eilte also nach draußen um zu sehen, wer sich woran gestoßen hat und ob vielleicht ein Kühlpad gebraucht würde. Als ich jedoch näher kam merkte ich schon, dass diesmal mehr passiert war, denn nicht nur der kleine Chef weinte vor Schmerzen, sondern die kleine Chefin schluchzte ebenfalls, allerdings nicht vor Schmerzen, sondern verzweifelt und aufgelöst. „Ich hol‘ schnell den Papa, okay? Ich hol‘ schnell den Papa!“

Ich kam ums Eck und sah die beiden unterhalb des Baumhauses auf der Wiese stehen, die kleine Chefin beim kleinen Chef und dieser hielt sich die Hände. Rote Hände. Komplett rote, blutige Hände. Mein Herz rauschte durch den Magen, hinterließ dort einen Knoten und rutschte in die Hose. Was passiert sei versuchte ich zu erfragen, ohne dabei zu aufgeregt oder gar vorwurfsvoll zu klingen. Gar nicht so leicht. Die Wunde selbst konnte ich noch nicht genau sehen, da dazu einfach zu viel zu rot war und ich gar nicht genau wusste, wo ich nachsehen sollte. Die Schilderung des Unfalls machte mein Gefühl dann auch nicht besser. Sie haben mit der Gartenschere, so eine kleine Hand-Astschere, hantiert. Dabei habe die kleine Chefin dem kleinen Chef in den Finger geschnitten.

Flau wurde mir. Die erste Panik versuchte ich herunterzuschlucken und zu vertreiben, aber ich spürte sie. Die blutende Stelle hatte ich mittlerweile gefunden. Es war der rechte Zeigefinger. Aber die Wunde selbst konnte ich nicht vernünftig sehen, einfach zu viel Blut. Der Finger war zumindest anscheinend nicht kürzer geworden. Also schnell rein, um die Wunde einmal abzutupfen. Aber nach dem Abtupfen war so schnell wieder Blut da, dass ich die Wunde einfach nicht richtig sehen konnte. Es war nur klar, das ist nicht einfach ein kleiner Riss oder Schnitt. Ich stellte den kleinen Chef ans Waschbecken und ließ kaltes Wasser über die Finger laufen. Unter dem laufenden Wasser war die Wunde nun endlich etwas zu sehen. Aber schön war es nicht, es fehlte in der Tat ein gutes Stück aus der Fingerkuppe (hier ein Foto für die Härteren unter den Lesern. Aufgenommen im Krankenhaus, nachdem die Blutung gestillt war). Das wollte ich nicht einfach so verbinden, ohne dass sich dies ein Arzt angesehen hätte, aber Samstags sind da nicht all zu viele im Einsatz. Also schneller Anruf bei der Mama der beiden kleinen Chefs. Wir sind dann mal auf dem Weg ins Krankenhaus. Schnell den Finger mit einem provisorischen Druckverband versorgt und ab ging es.

Die Feststellung, dass wir nun ins Krankenhaus fahren würden führte zu 4 vor Schreck geweiteten Kinderaugen. Also erst noch psychologische Unterstützung ausgepackt, dass das Krankenhaus ja nichts Schlimmes ist. Dass dort Ärzte sind, die einem helfen können. Klar haben wir auch schon einmal gesagt, sie sollen aufpassen, nicht dass wir noch ins Krankenhaus müssten, aber dies sei nicht so gemeint, dass das Krankenhaus schlimm sei. Da müsse man nur hin, wenn etwas Schlimmes passiert. Aber das Krankenhaus selbst ist etwas Gutes … schwierig!

Auf dem Weg legten wir noch einen kurzen Stop am Supermarkt ein, denn die Krankenversichertenkarte des kleinen Chefs hatte Mama in der Handtasche. Kurzer Tausch (Karte gegen kleine Chefin) und weiter ging es in die Notaufnahme. Mama hatte in der Zwischenzeit ein paar Panikkäufe an der Fleischtheke getätigt und somit waren wir beim Grillen schon einmal für die nächsten Tage eingedeckt.

Die Fahrt zum Krankenhaus (etwa 10 bis 15 Minuten) war unheimlich. Wer den kleinen Chef kennt der weiß, dass er höchstens dann einmal still ist, wenn er schläft. Aber auf dieser Fahrt war er mucksmäuschenstill. Kein Weinen, kein Wimmern, kein Jammern, kein Quatschen. Er stand einfach unter Schock. Also immer wieder versucht, aufmunternd mit ihm zu sprechen, ohne ihn zu beunruhigen. Ob alles okay sei, wollte ich wissen, wie es ihm gehe. Aber alles sei okay. Ich sagte ihm dass er auch in diesem Krankenhaus geboren sein. Daran könne er sich gar nicht mehr erinnern, meinte er.

Um das Ganze nun etwas abzukürzen: wir hatten Glück. Der Finger ist noch dran und letztlich wurde er dann, nachdem die Blutung gestillt war, nur mit einem Pflaster „behandelt“. Nähen kann man nicht, weil einfach Gewebe fehlt, da kann man nicht zusammen nähen. Wenn mehr abgeschnitten wäre und ich das entsprechende Stück mitgebracht hätte, hätte man es aufkleben können, aber das wäre in diesem Fall wohl auch nicht gegangen.

Also alles noch einmal gut gegangen. Großer Schreck bei allen Beteiligten. Natürlich klares Verbot, diese Werkzeuge alleine zu benutzen. Wobei sie eigentlich nicht viel falsch gemacht haben. Wenn sie alleine damit umgehen, dann passen sie auf. Sie wissen um die Gefährlichkeit dieser Scheren. Zusammen kam es aber leider zu einem Missverständnis. Der kleine Chef wollte die Schere haben und die kleine Chefin wollte sie ihm geben. Während sie nun noch die Schere schloss, griff er schon zu.

Wir haben also auch beiden noch einmal gesagt, dass wir keinem einen Vorwurf machen. Auch die kleine Chefin soll sich nicht mit Selbstvorwürfen belasten. Sie sollen nun einfach daraus lernen.

Und nach einem Whisky war ich auch wieder etwas ruhiger und wir konnten dann tatsächlich alle noch das Grillen und das Deutschlandspiel genießen.

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3 Gedanken zu “Ein Fingerzeig

  1. Oh Gott, was für ein Schock! Ich hoffe, Chef und auch Chefin haben den Schreck einigermassen verdaut!

  2. Puh! Vor so was graut es mir auch immer! Man will den Kids ja auch die Möglichkeit geben, den Umgang zu lernen mit Dingen, die nicht so ungefährlich sind, aber so was möchte man dann auch nur ungern erleben. Gut. dass alles noch mal so glimpflich ausgegangen ist!!

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